Call for Papers: »Personen, Entschuldigung«. Uwe Johnsons Figuren: Konstruktionen und Konstellationen

Konferenz vom 13. bis 15. November 2026, Rathaus Rostock

04.02.2026

»Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« heißt der Untertitel von Uwe Johnsons Opus Magnum Jahrestage, und in einem einschlägigen Dialog im Roman heißt es »Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. / Wir beide. Das hörst du doch, Johnson«. Eine Figur als Erzählerin, die den Schriftsteller, dessen Name auf dem Einband steht, explizit und ein wenig zurechtweisend auf das Miteinander hinweist, das ist, nicht nur erzähltechnisch, etwas Besonderes. Hinzu kommt, dass Johnson diese Gesine erst in einer Leipziger Straßenbahn, dann auf dem New Yorker Broadway gesehen haben will. Und dass eine Figur mit dem gleichen Namen und einer zum Verwechseln ähnlichen Biografie auch noch in ganz anderen Texten als den Jahrestagen vorkommt. Von Gesines Vater Heinrich Cresspahl meint Johnson indes, er habe ihn, ganz so wie einst Ernst Barlach seinen Spaziergänger, d.h. konkret und wahrhaftig, in einem Zug zwischen Güstrow und Rostock entdeckt. Im 2. Band der Jahrestage kommt unter anderem ein »Dichter Enzensberger« vor, der offensichtlich Beziehungen unterhält zu einem bekannten, zeitweise mit Johnson befreundeten westdeutschen Schriftsteller gleichen Namens. Und in Boykott der Berliner Stadtbahn begegnen wir einer Frau Poggenrath, die zum einen aus einer Anekdote stammt, die der Tagesspiegel-Mitarbeiter Günter Matthes erzählt hatte, zum anderen sehr starke Bezüge zu einem Roman von Fontane aufweist.

Mit der Figurenkonstruktion in Johnsons literarischem Kosmos hat es also eine besondere Bewandtnis. Tatsächlich sah er seine literarischen Figuren als reale Personen an: Mit dem Schreiben ging er eine Verpflichtung ihnen gegenüber ein, er musste ihnen gerecht werden. Die »bewusste Suche« nach ihnen hielt Johnson indes für »grundsätzlich von Schaden« für den Schriftsteller: »Hier muss jede Absicht fehlen. Sie müssen freiwillig auftreten, in sich stimmig aus eigenem, in ihrem eigenen Recht, dem Urheber ebenbürtig. Dann werden sie ihm helfen und ihn gelten lassen als einen Partner, wenn er umgeht mit ihnen in seinem Bewusstsein und nun zu Papier.« Gelinge das, so werde es möglich, »eine Welt, gegen die Welt zu halten« – laut Johnson die zentrale Leistung eines Romans. Dazu empfiehlt er, »die Beziehungen zwischen den Personen« zu zählen, denn je »dichter das Netz verbindender Linien« zwischen ihnen werde, »desto mehr haben Sie von und an einem Roman«.

Während dieser Konferenz wollen wir Johnsons Figurenkonstruktionen und -konstellationen zum Schlüssel für die Erkundung seiner Werke machen. Neben Aussagen des Autors zu seinen Figuren sollen diese vor allem selbst in den Blick genommen und Fragen nach ihren erzählerischen Rollen, ihrer Herkunft, Entstehung, Beschaffenheit, ihren Beziehungen zueinander und möglichen Vorbildern erörtert werden. Die teils komplexen und oft überraschend miteinander verwobenen Figurenbiografien in Johnsons Romanen zeitigen nicht nur vielfältige soziale Gefüge: Eingebettet in spezifische historische und geopolitische Kontexte eröffnen sie Lebenswelten. Diese Figuren und Welten wollen wir erkunden.

Die Tagung wird von der Uwe Johnson-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Uwe Johnson-Forschungsstelle der Universität Rostock und der Arbeitsstelle »Uwe Johnson-Werkausgabe« der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Universität Rostock ausgerichtet. Sie findet vom 13. bis 15. November 2026 im Rathaus Rostock statt.

Wir bitten um die Zusendung von Abstracts (max. 400 Wörter) für Vortragsvorschläge bis zum 4. Mai 2026 an: geschaeftsstelle@uwe-johnson-gesellschaft.de. Die Vorträge sollen eine Dauer von 30 Minuten nicht überschreiten. Bei Fragen können sie sich gerne vorab an Holger Helbig (holger.helbig@uni-rostock.de) oder Astrid Köhler (astrid.koehler@uni-rostock.de) wenden.